Im Schatten des Vertrauens
Sieben Menschen starben auf der Skitouren-Hochtour am Pigne d’Arolla, nur 500 Meter von der rettenden Hütte entfernt. Ein Rekonstruktionsversuch von Extrembergsteigerin Evelyne Binsack über die Frage, warum eine ganze Seilschaft in die Katastrophe lief.
Diese Kolumne ist erstmals in unerem Magazin twice erschienen.
In Seilschaften sind wir grundsätzlich sicherer und stärker unterwegs als im Alleingang. Und doch birgt die Seilschaft Risiken, die wir als Einzelne völlig anders einschätzen und beurteilen würden. Es ist ein Paradoxon, das mich sehr beschäftigt, denn Gruppendynamiken können verheerend enden.
Wir kennen alle die Standardlehrsätze über Risikomanagement: über den Experten-Bias, die Sunk Cost Fallacy, die kollektive Trance. Gefahren, die sich im Moment der geistigen Konfrontation so anhören, als dass sie einem nie selbst zuwiderfallen könnten. Aber als Bergführerin mit inzwischen über 35 Jahren Berufserfahrung weiss ich, dass unsere grössten Gefahren oft nicht im Gelände liegen, sondern im eigenen Kopf.
Wenn wir, meist optimistisch, über Seilschafts-Sicherheit und deren Stärke reden, müssen wir uns aber zuerst über die Gefahren der Wahrnehmungsverschiebung unterhalten, über jene psychologischen Schleifen, in denen kollektiv falsches Denken unaufhaltsam in eine Katastrophe führen kann.
Nichts führt uns dies schmerzhafter vor Augen als das Drama am Pigne d’Arolla vom April 2018 auf der sogenannten «Haute Route», einer mehrtägigen Skitour von Zermatt nach Chamonix. Sieben Menschen verloren am Pigne d’Arolla in einem tosenden Sturm ihr Leben, nur rund 500 Meter von der rettenden Cabane des Vignettes entfernt. Die Gruppe wurde von einem sehr erfahrenen Bergführer angeführt. Als Berufskollegin verurteile ich nicht.
Ich versuche, die Augenblicke zu rekonstruieren, in denen ein erfahrener Profi die Realität einfach umdeutet. Anstatt die gesamte Seilschaft zum Umkehren zu bewegen, führt er sie weiter. In den tödlichen Orkan hinein. Man möchte diesen Vorfall am liebsten einfach wegwischen und vergessen, doch es starben sieben Menschen im Sturm. Man hätte nur rechtzeitig anders entscheiden müssen und alle wären noch am Leben.
Ich höre euch da unten auf der Erde. Ich höre euch debattieren, in den Hütten, an den Stammtischen, in den Kommissionen und Bergführer-Verbänden. Ihr analysiert meine Spuren, meine GPS-Daten, meine Entscheidungen an jenem 29. April 2018. Ihr nennt es «Normalisierung des Risikos», «Tunnelblick», den «Sunk Cost Fallacy oder den Experten-Bias“. Das sind präzise Begriffe für das, was sich in meinem Kopf wie logische Pflicht anfühlte. Ich war kein Leichtsinniger. Ich war einer von euch. Ein Profi. Und genau das wurde mir zum Verhängnis. Ich starb in der Nacht vom 29. auf den 30. April 2018, und weil ich fatale Fehlentscheide gefällt hatte, starben sechs weitere Personen, darunter meine geliebte Frau Kalina.
Als wir am Morgen des 29. Aprils 2018 in der Cabane des Dix aufbrachen, hatte ich einen klaren Plan. Das Rifugio Nacamuli auf gut 2800 Metern Höhe war das Etappenziel des vierten Tages. Die Cabane des Vignettes, die ich letztlich im Sturm angesteuert hatte, wäre bereits im Vorfeld eine Alternative gewesen, da sie ein starkes Stück vor dem Rifugio Nacamuli liegt. Aber das war nicht mein Ziel. Diese Hütte ist ohnehin meistens überbucht, ich wollte kein Chaos stiften, das System nicht belasten. Ein logistischer, vernünftiger, wenn auch ambitionierter Plan, der auch bei schönem Wetter eine Königsetappe bedeutet. Ich wusste, dass das Wetter umschlägt, nicht so jedoch meine Gedanken.
Nach gut zwei Stunden Aufstieg gelangten wir an die «Mur de la Serpentine», einem eisigen Steilhang, an dem man die Skier auf den Rucksack schnallt und mit Steigeisen an den Tourenschuhen aufsteigt. Da begann sich das Drama bereits zu entwickeln. Der Sturm zog auf, die Konturen verschwanden, der Wind peitschte uns den Schnee ins Gesicht. An diesem Punkt gab es die Option: Umkehren. Zurück und über den einfachen «Pas de Chêvres», hinunter ins Tal nach Arolla abfahren, einem Schweizer Dorf auf 2000 Metern Höhe, hinwärts in die Sicherheit.
Warum habe ich es nicht getan? Weil mein Gehirn in jenen Momenten die ersten Purzelbäume schlug. Umkehren bedeutete Abbruch. Es bedeutete ein logistisches und finanzielles Desaster, die Organisation für eine 10-er Gruppe mit Hotelübernachtung in der Touren-Hochsaison. Vor allem aber bedeutete es das Eingeständnis: Der Berg ist heute stärker als mein Können. Wir Bergführer sind darauf trainiert, Widrigkeiten zu überwinden. Mein Stolz flüsterte mir zu: „Wir sind zwar weit weg vom Ziel, aber das schaffen wir. Wenn wir den Sattel erst haben, ist es fasst geschafft. Es war kein Ignorieren der Gefahr – es war das fatale Uminterpretieren der Realität. Ich war ein Könner, ein Macher, ein stolzer Mann der nicht gerne aufgibt.
Hinter mir gingen meine Frau und meine Gäste. Schweigend. Schritt für Schritt. Dieses blinde, absolute Vertrauen einer Seilschaft ist eine gewaltige Kraft, aber es ist auch eine tödliche Falle. Weil niemand seine Zweifel äusserte, hielt ich ihr Schweigen für Stärke und Willenskraft. Meine Entschlossenheit beruhigte sie – und ihre Ruhe bestärkte mich. Wir liefen im Gleichschritt, immer tiefer in den Orkan, ins Verderben hinein.
Und dann kam der totale Kontrollverlust. Ich navigierte mit dem Smartphone. Mitten im tobenden Sturm fraß die extreme Kälte den Akku. Das Display erlosch. Schwarz. Tot. Ich, der erfahrene Bergführer, stand plötzlich ohne Augen da. Blind. Blind vom Sturm, blind, weil meine Navigationssysteme die ich benutzte, dem Wetter nicht standhielten.
Ich weiss, was ihr älteren Semester jetzt denkt: Wo waren die papierne Landkarte, Kompass, Höhenmesser? Das Handwerkszeug, mit dem wir großgeworden sind, das uns jahrzehntelang blind durch den Nebel, den Whiteout geführt hat. In meiner Verzweiflung musste ich meinen Stolz brechen und das tun, was ein Führer niemals tun will: Ich fragte meinen italienischen Gast Tommaso Piccioli nach seinem GPS-Gerät.
Es war eine Demütigung im Angesicht des Todes. Doch das Verhängnis schlug noch einmal zu. Tommasos GPS zeigte nur das globale Welt-Gitter (WGS84) – Längengrade, Breitengrade als wertlose Zahlenreihen in diesem Moment, denn die Schweizer Landkarte ist eingeteilt in ihr eigenes Koordinatensystem. Auf einem fremden Gerät im tosenden Sturm wusste ich nicht, wie ich die Konfiguration zu ändern gehabt hätte. Somit war das gesamte System schachmatt. Gefangen in einer bitteren Ironie der Technik liefen wir im Kreis. Hilflos. Orientierungslos. Bis 500 Meter vor der Hütte. Dort gibt es einen Flaschenhals, ein Schlupfloch zwischen zwei Felsen, das zu passieren wäre. Aber dieses Schlupfloch habe ich nicht gefunden. Ich war am Ende meiner Kräfte, meine Psyche war zerstört, mein Wille gebrochen, meine Physis leer. Meine Gäste, meine Frau, alle vertrauten mir. Ich habe versagt und zwar auf der ganzen Linie. Wir hockten uns schutzlos dem Sturm ausgeliefert auf die Felsen, einer nach dem anderen. Ihre Blicke, ihre Enttäuschung, ihre Angst, ihre Lebenskraft die aus ihnen wich.
Die Kälte kroch in uns hinein, die Erschöpfung lähmte jeden von uns. Da packte mich die Realität am Kragen, ich verstand, was ich getan hatte. Die Verantwortung erdrückte mich. Inmitten dieses wütenden Infernos stand ich ein letztes Mal auf. Ich liess meine Gruppe, meine Frau, in den Felsen zurück. Ich musste diese Hütte finden. Ich musste das System, das ich selbst in den Abgrund geführt hatte, reparieren. Ich ging allein los, blind, getrieben von purer Verzweiflung. Ein Schritt im Nichts. Der Halt verlor sich. Ich stürzte über die Kante in die Tiefe. Ich starb bei diesem Sturz, während meine Gruppe oben elend am Erfrieren war.
Ich erzähle euch das nicht, damit ihr mich bemitleidet. Ich erzähle es euch, weil die Gefahr der Seilschaft selten die Realität ist, aber das Ignorieren derjenigen. Man baut sich eine Parallel-Realität auf, in der man sich verfängt.
Sich die eigene Angst vor dem Versagen einzugestehen, zugeben, dass man zu weit gegangen ist? Erkennen, dass man den «Point of no return» und den Plan B und C ignoriert hat? Dass man die Aufgabe, die man schon mehrere Male erfolgreich bewältigt hat, dieses Mal unterschätzt hat? Dass einen die Gewohnheit des Erfolgs irgendwann in die Knie zwingen könnte? Dass man vom Heldenkomplex, dieser Hybris, sukzessive und schon lange vor dieser Katastrophe in die Zange genommen wurde? Nein, solche Gedanken lassen wir nicht zu, nicht so lange, als alles noch irgendwie am Laufen scheint.
Aber bitte hört mir zu: Brecht den Stolz, bevor der Berg euch bricht. Misstraut dem blinden Schweigen hinter euch. Lernt aus meinem Versagen, aus meinem Verschulden. Sowohl am Berg, als auch in anderen Bereichen von Führungsaufgaben.
Am nächsten Morgen war der Sturm vorbei. Als hätte es ihn nie gegeben. Der Himmel war blau und es war nicht nur windstill, sondern auch totenstill.
Tommaso, der mir am Vortag in letzter Hoffnung sein GPS-Gerät geliehen hatte, sass wie alle anderen, noch immer auf der Felskante. Er war es, der dieser Stille ein jähes Ende setzte: Er versuchte zu schreien. Zuerst ganz heiser und schwach, dann lauter. Ein Krächzen um Hilfe. Der Hüttenwart der nahegelegenen Cabane des Vignettes alarmierte die Rettungsflugwacht. Tommaso überlebte, zusammen mit zwei anderen Teilnehmern meiner Gruppe. Für mich, meine Frau und fünf meiner Gäste kam jede Hilfe zu spät.
Die Geschichte spricht für all jene gescheiterten Seilschaften, in denen sich negative Gruppendynamiken entwickeln konnten, sei es aus einer Mischung von Stolz, Unfehlbarkeitsfantasien, Hochmut oder der Angst, als Erster aufkommende, ungesunde Dynamiken zu hinterfragen und dadurch als Spielverderber dazustehen.
Lost Cost Fallacy, Complacency, Plan Continuation Bias, Risk Homeostasis, Social Proof, Scarcity und Expert Halo: psychische Mechanismen mit grosser Wirkung.
Doch letztlich bleibt die Erkenntnis einfach: Sicherheit in der Seilschaft beginnt mit Demut vor der Aufgabe, mit einem offenen Ohr für abweichende Meinungen der Seilpartnerinnen und Seilpartner sowie mit der Bereitschaft, den eigenen Plan infrage zu stellen und gegebenenfalls eine alternative Route zu wählen. Die Sicherheit der Seilschaft beginnt im Kopf.
Evelyne Binsack ist Extrembergsteigerin, die als erste Schweizerin den Mount Everest, den Südpol und den Nordpol erreichte.