Hilfe, die ankommt

06.11.2026

Wenn das Budget kaum für das Nötigste reicht, kann gezielte Unterstützung viel bewirken. Martina Saner und Maurice Marzolf erklären, wo die Winterhilfe seit nunmehr 90 Jahren konkret ansetzt, was ihre Unterstützung bewirkt und wie Unternehmen helfen können.

Armut ist oft nicht sichtbar. Wie viele Menschen sind in unserer Region davon betroffen?

Saner: In Basel-Stadt waren im Vorjahr 8,4 Prozent der Bevölkerung von Armut betroffen, weitere 8 Prozent armutsgefährdet. Damit lebt rund jede sechste Person am oder unter dem Existenzminimum oder ist armutsgefährdet. Besonders betroffen sind Familien mit drei oder mehreren Kindern. Armut ist in der Schweiz und auch in der Region Basel kein Randphänomen.

Marzolf: Im Kanton Basel-Landschaft waren gemäss dem letzten kantonalen Armutsmonitoring rund 16’000 Menschen von Armut betroffen und weitere 16’000 armutsgefährdet. Insgesamt entspricht das rund 32’000 Menschen oder jeder achten Person. Besonders betroffen sind Kinder, Ein-Eltern-Haushalte und Menschen, deren Erwerbseinkommen nicht zur Sicherung des Lebensunterhalts ausreicht.

Wie unterstützt die Winterhilfe BS/BL konkret?

Marzolf: Wir überbrücken finanzielle Notsituationen, indem wie dringliche offene Rechnungen für Miete, Strom, Heiz-Nebenkosten, Gesundheitskosten, Weiterbildungen und einiges mehr übernehmen. Zudem helfen wir mit Kleiderpaketen, Beiträgen an dringlichen Möbelersatz, Gutscheinen für Velos und Brennholz, und wir finanzieren armutsbetroffenen Kindern mit dem «Göttibatze» ein regelmässiges Hobby. Wir springen da ein, wo staatliche Leistungen nicht reichen oder wo es Lücken im sozialen Sicherungsnetz gibt. Rund 60 Prozent der Menschen, die wir unterstützen, leben in Familien oder sind alleinerziehend. Etwa 40 Prozent sind Working Poor – also Menschen, deren Einkommen nicht zum Leben reicht.

Wer darf sich an die Winterhilfe wenden?

Saner: Menschen, die in Basel-Stadt leben, können sich bei der Winterhilfe Basel-Stadt melden, Menschen aus Basel-Landschaft bei der Winterhilfe Baselland. Wir prüfen jede Anfrage sorgfältig, und klären, ob andere staatliche Unterstützungssysteme wie die Sozialversicherung zuständig sind. Unsere Nothilfe ist gezielt für Notsituationen und nicht für die regelmässige Budgetentlastung vorgesehen. Wo sinnvoll, vermitteln wir daher zu Beratungsstellen, die die Situationen vertieft abklären und Budgetberatungen machen.

Ein Beispiel, wie die Winterhilfe konkret unterstützt

Familie K, Ehepaar mit drei Kindern unter 12 Jahren, lebt hautsächlich vom Einkommen des Vaters. Die Mutter betreut tagsüber die Kinder und arbeitet abends und an den Wochenenden im Stundenlohn in der Reinigung. Sie werden zudem mit Krankenkassen-Prämienverbilligungen und Mietzinsbeiträgen unterstützt. Beide arbeiten, aber ihr Einkommen reicht kaum für das Nötigste. Eine typische Working Poor-Situation.

Als der Arbeitgeber des Vaters Konkurs geht, wird er arbeitslos. Die Arbeitslosenversicherung deckt nur 80 Prozent seines ohnehin kleinen Lohnes. Das Budget kippt, Miet- und Krankenkassenprämien bleiben offen. Als mit der dritten Mahnung die Kündigungsandrohung eintrifft, wendet sich die verzweifelte Familie an die Winterhilfe.

Herr K. hat inzwischen wieder einen Arbeitsvertrag in Aussicht. Doch die Schulden bleiben. Es droht der Wohnungsverlust und der Eintrag ins Schuldenregister, was eine künftige Wohnungssuche fast verunmöglicht.

Die Winterhilfe handelt: Sie übernimmt die drei offenen Mieten, worauf der Vermieter die Kündigungsandrohung zurückzieht. Mit der Krankenkasse wird eine Ratenzahlung vereinbart, einen Grossteil der Ausstände übernimmt die Winterhilfe, da die Familie über keinerlei Reserven verfügt.

Als Herr K. erfährt, dass die offenen Kosten übernommen werden können, weint er vor Erleichterung.

Was sagen Sie jemanden, der sich aus Scham nicht traut, Hilfe zu suchen?

Marzolf: Scham ist ein Gefühl, das Armut häufig begleitet. Es darf da sein und muss nicht verdrängt werden. Entscheidend ist, sich selbst zuzugestehen, dass man sich gerade in einer schwierigen Lebenssituation befindet und Unterstützung benötigt. Sich Hilfe zu holen ist eine Fähigkeit und kein Zeichen persönlichen Versagens. Wir möchten Menschen darin bestärken, ihre Situation anzunehmen und den Mut zu finden, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der Kontakt zur Winterhilfe kann dabei ein erster Schritt sein.

Saner: Wer sich rechtzeitig Unterstützung holt, schafft oft auch die Voraussetzungen, um schwierige Lebenssituationen zu überwinden und wieder selbstständig auf eigenen Beinen zu stehen. Deshalb ist es wichtig, sich gerade dann Rat zu holen, sich zu informieren und Unterstützung anzunehmen, wenn es darauf ankommt. Armut entsteht meist durch eine Verkettung schwieriger, oft auch unerwarteter Lebensumstände und ist keineswegs einfach die Folge individuellen Versagens.

Wie können Unternehmen oder Institutionen am sinnvollsten unterstützen?

Saner: Die beiden Winterhilfen Basel-Stadt und Baselland finanzieren ihre Unterstützungsarbeit vollständig durch Spenden. Jeder Beitrag hilft uns, Menschen in finanziellen Notlagen rasch, direkt und unkompliziert zu unterstützen. Gerade angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten ist diese Hilfe für viele Menschen von grosser Bedeutung.

Marzolf: Unternehmen und Institutionen können sich nicht nur mit direkten Spenden engagieren, sondern auch durch gemeinsame Aktionen und Initiativen mit ihren Mitarbeitenden sowie Kundinnen und Kunden. Ob Spendenaktionen, besondere Kundenanlässe oder andere kreative Ideen – wir sind offen für neue Formen der Zusammenarbeit und freuen uns über den persönlichen Austausch. Jedes Engagement zählt und trägt dazu bei, armutsbetroffenen Menschen in unserer Region konkret zu helfen.

Wussten Sie, dass …

… in den beiden Basel rund 70’000 Menschen von Armut betroffen oder armutsgefährdet sind?

Seit 1936 engagieren sich die Winterhilfen Basel-Stadt und Baselland für Menschen in finanziellen Notlagen. Mit gezielten Unterstützungsleistungen entlasten sie knappe Haushaltsbudgets und fördern die soziale Teilhabe. Im Geschäftsjahr 2025/2026 unterstützten die beiden Winterhilfen in unserer Region insgesamt 4’074 Menschen – 2’964 in Basel-Stadt und 1’110 in Baselland.

Die Handelskammer beider Basel gratuliert den beiden Winterhilfen herzlich zum 90-jährigen Bestehen und dankt ihnen für ihr langjähriges Engagement zugunsten armutsbetroffener Menschen in unserer Region.

Mehr erfahren: 

www.winterhilfe.bs.ch
IBAN CH56 0900 0000 4000 6060 3

www.winterhilfe.bl.ch
IBAN CH70 0900 0000 4000 5821 7

das Bild zeigt Martina Saner, Geschäftsführerin Winterhilfe Basel-Stadt, und Maurice Marzolf, Geschäftsführer Winterhilfe Baselland. Martina Saner, Geschäftsführerin Winterhilfe Basel-Stadt, und Maurice Marzolf, Geschäftsführer Winterhilfe Baselland.

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