Stellungnahmen zu den Grossratssitzungen vom 7., 14. und 21. Januar 2026 zur Perspektive Berufsbildung

05.01.2026

Die Handelskammer beider Basel setzt sich seit Langem für die Stärkung der dualen Berufsbildung ein. Diese liefert den Unternehmen der Region dringend benötigte Fachkräfte, integriert junge Menschen früh in den Arbeitsmarkt und gibt ihnen ein solides Fundament für ihre Karriere. Im Kanton Basel-Stadt allerdings ist die Berufsbildung gegenüber dem allgemeinbildenden Weg ins Hintertreffen geraten. Die Folge davon sind eine niedrige Abschlussquote auf der Sekundarstufe II und ein ausgeprägter Fachkräftemangel besonders im MINT-Bereich. Deshalb bringt die Handelskammer beider Basel die folgenden Vorstösse in Zusammenarbeit mit Grossrätinnen und Grossräten verschiedener Parteien in den politischen Prozess ein. Die Vorstösse möchten an verschiedenen Stellschrauben drehen, um die Rahmenbedingungen für die Berufsbildung im Kanton Basel-Stadt zu verbessern. Die Grundlagen für die Vorstösse haben wir in unserem Themendossier Berufsbildung erarbeitet. Dort finden Sie, geschätzte Grossrätinnen und Grossräte, bei Bedarf weitere Informationen. Bei der «Perspektive Berufsbildung» handelt es sich um partnerschaftliche Geschäfte - alle Vorstösse wurden auch im Kanton Basel-Landschaft eingereicht.

Traktandum 36: Motion 3 Catherine Alioth und Konsorten betreffend professionelle ICT-Lehrstellenförderung

Die Region Basel leidet an einem Mangel an ICT-Lehrstellen. Die verschiedenen Zahlen der Motion belegen, dass in der Region zu wenig ICT-Fachkräfte ausgebildet werden. Das betrifft nicht nur den ICT-Bereich im engeren Sinne, sondern die regionale Wirtschaft als Ganzes. Denn ICT-Dienstleistungen sind aus keiner Branche mehr wegzudenken und mit fortschreitender Digitalisierung werden unsere Firmen immer mehr ICT-Fachkräfte brauchen.

Die Motion fordert deshalb eine zeitlich begrenzte ICT-Lehrstellenförderung, die in Zusammenarbeit mit dem Kanton Basel-Landschaft finanziert und organisiert wird. Die Motion möchte bestehende Synergien nutzen und so effizient die Lehrstellen im ICT-Bereich in den beiden Basel erhöhen, um so dem Fachkräftemangel im ICT-Bereich entgegenzuwirken.

Wir bitten Sie, die Motion zu überweisen.

Traktandum 43: Anzug 5 Johannes Barth und Konsorten betreffend Perspektive Berufsbildung: Berufswelten in der Primarschule entdecken

Die demografische Zusammensetzung des Kantons Basel-Stadt hat direkte Auswirkungen auf die Abschlussquoten. Im Stadtkanton leben viele Akademiker und eine grosse Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund. Beide Gruppen sind der Berufsbildung gegenüber skeptisch, oft auch aus Unkenntnis über Verdienst- und Karrieremöglichkeiten. Viele Eltern drängen deshalb ihre Kinder zu einer akademischen Karriere und die Kinder stehen bereits in der Primarstufe unter Druck, die Anforderungen für das P-Niveau zu erfüllen.

Neben diesem Druck wird die Ausbildungswahl der Kinder auch dadurch eingeschränkt, dass sie während ihrer Schulzeit nur mit einem sehr begrenzten Spektrum an Berufen konfrontiert werden und bereits sehr früh die für sie in Frage kommenden Berufe nach den Kategorien «Geschlecht» und «soziale Herkunft» auswählen. So haben sie, wenn es dann konkret um die Ausbildungswahl geht, bereits ihren Horizont eingeschränkt und sind kaum offen für alternative Laufbahnentscheide.

Einzelne Primarschulen des Kantons haben deshalb bereits Initiativen gestartet, um den Kindern schon im Primarschulalter verschiedene Berufsfelder näherzubringen und um die Eltern bereits früh über die verschiedenen Ausbildungswege zu informieren. Die Handelskammer beider Basel hält diese Initiativen für zielführend. Da alle Kinder das Recht auf eine freie und informierte Ausbildungswahl haben, fordert der Anzug von der Regierung ein tragfähiges Konzept für die Entdeckung von Berufswelten an allen Primarschulen, das auch die Eltern der Kinder einbezieht.

Wir bitten Sie, den Anzug zu überweisen.

 Traktandum 44: Anzug 6 Jérôme Thiriet und Konsorten betreffend Perspektive Berufsbildung: Berufsberatung im Gymnasium. Monitoring und bessere Unterstützung bei Abbrüchen

Da viele Eltern ihre Kinder auch bei geringer Neigung oder Eignung ans Gymnasium schicken möchten, gibt es auf der Gymnasialstufe erwartungsgemäss eine hohe Abbruchsquote. Da der Kanton Basel-Stadt kein systematisches Monitoring von Schulabbrüchen auf Gymnasialstufe führt, liegen keine genauen Zahlen vor, aber die letzten Zahlen von 2014 zeigen eine nicht zu vernachlässigende Zahl von Abbrüchen. Jugendliche, die ein Gymnasium abbrechen, werden zudem kaum begleitet. Alle Beratungsangebote, die es gibt, sind freiwilliger Natur. Und so wechseln viele an eine weiterführende Schule, ohne sich ernsthaft mit Alternativen wie z.B. einer anspruchsvollen Berufslehre auseinanderzusetzen.

Der Anzug möchte hier Abhilfe schaffen, indem er erstens ein systematisches Monitoring von Abbrüchen in den Basler Gymnasien fordert und zweitens ein verpflichtendes Case-Management für Schülerinnen und Schüler, die ein Gymnasium verlassen müssen. Beide Massnahmen werden helfen, diese Jugendlichen schnell und ohne Umwege auf den für sie passenden Ausbildungsweg zu bringen.

Wir bitten Sie, den Anzug zu überweisen.

Traktandum 45: Anzug 7 Beat K. Schaller und Konsorten betreffend Perspektive Berufsbildung - MINT-Förderung für alle, ab der ersten Stunde

MINT-Berufe weisen immer noch einen sehr niedrigen Frauenanteil auf. Wie die im Anzug zitierte Studie zeigt, ist es vor allem der Mathematikanteil in diesen Berufen, der Frauen zögern lässt. Zugleich zeigt eine weitere im Anzug zitierte Studie, dass die Mathematikkompetenzen von Jungen und Mädchen vor dem Schuleintritt in etwa gleich sind, aber vier Monate nach Schuleintritt bereits ein signifikanter Unterschied zwischen den Geschlechtern herrscht. Somit scheint es gerade der schulische Unterricht zu sein, der einen mathematischen Gender-Gap zeitigt.

Um dem entgegenzuwirken und die Mathematikkompetenzen junger Mädchen auch nach Schuleintritt zu erhalten und zu fördern, fordert der vorliegende Anzug, eine geschlechtersensible MINT-Förderung ab der ersten Schulstunde – damit einerseits alle Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht ihre Laufbahn frei nach ihren Neigungen und Stärken wählen können und damit wir langfristig den Fachkräftemangel in MINT-Berufen in den Griff bekommen. Denn dazu braucht es mehr Frauen in MINT-Berufen.

Wir bitten Sie, den Anzug zu überweisen.

Traktandum 46: Anzug 8 Joël Thüring und Konsorten betreffend Perspektive Berufsbildung: Ausrichtung der Fachmaturitätsschule überprüfen

Die Fachmaturitätsquote ist in Basel-Stadt doppelt so hoch wie der schweizerische Durchschnitt und hat sich zwischen 2017 und 2022 verdoppelt. Das ist in denjenigen Studienfächern kein Problem, in denen die Fachmaturitätsschule eine wichtige Zubringerfunktion für vom Fachkräftemangel betroffene Berufe erfüllt, namentlich in der Pädagogik und im Gesundheitswesen.

Wo allerdings die Fachmaturitätsausrichtung die berufliche Grundbildung konkurrenziert, wird die hohe Fachmaturitätsquote zum Problem. Dies ist bei naturwissenschaftlich-technischen Lehrstellen ein Problem. Nicht nur, weil hier das Wachstum der Fachmaturitätsschule auf Kosten der dualen Ausbildung geht, sondern auch weil die Unternehmen den Absolventinnen und Absolventen der Fachmaturitätsschulen keine Praktikumsplätze zur Verfügung stellen können: Die Unternehmen brauchen die Laborplätze für ihre eigenen Lernenden, zudem reicht die schulische Ausbildung fachlich nicht für ein Praktikum im Labor. Da die Schülerinnen und Schüler das Praktikum zur Erlangung ihrer Fachmatur benötigen, bietet ihnen die Fachmaturitätsschule in diesem Fachbereich keine verlässliche Perspektive.

Der Anzug fordert deshalb die Regierung auf, die Ausrichtung der Fachmaturitätsschule zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen, damit die Fachmaturitätsschule die Berufsbildung nicht konkurrenziert und den Jugendlichen eine reelle Perspektive auf dem Arbeitsmarkt gibt beziehungsweise sie ihrem Bildungsziel entsprechend auf nicht-universitäre Tertiärausbildung vorbereitet.

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Traktandum 47: Anzug 9 Catherine Alioth und Konsorten betreffend Sicherstellung der gleichwertigen Darstellung der Bildungswege in kantonalen Dokumenten

Die Bundesverfassung hält die Kantone an, sich bei der Erfüllung ihrer Aufgaben dafür einzusetzen, «dass allgemeinbildende und berufsbezogene Bildungswege eine gleichwertige gesellschaftliche Anerkennung finden» (Art. 61a BV).

Die offiziellen Dokumente und Informationsseiten des Kantons Basel-Stadt weisen jedoch immer wieder subtile Abwertungen der Berufsbildung auf. Das im Anzug genannte Beispiel des Abschlusszeugnisses verdeutlicht dies. Zusammen mit anderen, vielleicht geringfügig erscheinenden Abwertungen führt dies zu einer unterschwelligen, aber nicht weniger wirksamen Abwertung des Stellenwerts der Berufsbildung gegenüber dem allgemeinbildenden Weg.

Im Sinne der vom Bund geforderten Förderung der gleichwertigen gesellschaftlichen Anerkennung der beiden Bildungswege bittet der Anzug den Kanton, seine offiziellen Dokumente und Informationsseiten genau zu prüfen und allfällige Abwertungen der Berufsbildung zu beseitigen.

Wir bitten Sie, den Anzug zu überweisen.

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