Fortschritt braucht Herkunft

05.06.2026

Wie Basels wirtschaftliche Wurzeln die Basis für die Innovationen von morgen sichern.

Dieser Artikel erschien erstmals in der Handelszeitung Nr. 11, am 4. Juni 2026.

Als sich im Jahr 1876 engagierte Unternehmer und Politiker zusammenschlossen, um die Basler Handelskammer zu gründen, aus der später die Handelskammer beider Basel (HKBB) hervorging, war die Schweiz im Umbruch. Die industrielle Revolution feuerte aus allen Rohren, und Basel suchte seinen Platz in einer vernetzten Welt. Heute, 150 Jahre später, ist aus der Dampfmaschine die KI geworden, doch die Forderungen an die Politik klingen in den Sitzungszimmern der HKBB fast identisch wie zur Zeit der Gründerväter.

Die grossen Kernfragen der Ökonomie sind über die Jahrhunderte erstaunlich konstant geblieben. «Themen, die die Wirtschaft vor 150 Jahren ebenso wie auch aktuell beschäftigen, sind Handelskonflikte und Zollstreitigkeiten», erklärt Martin Dätwyler, Direktor der HKBB. Für das stark exportorientierte Land und insbesondere für die regionalen Unternehmen sind reibungslose Handelsbeziehungen über die Grenzen hinweg schlicht überlebenswichtig: «Sie sichern unseren Wohlstand», hält Dätwyler fest. Die aktuelle geopolitische Gemengelage führt vor Augen, wie essenziell verlässliche Partnerschaften sind. Der Fokus liegt hierbei unmissverständlich auf Europa: «Deshalb setzen wir uns klar für die Weiterführung des bewährten bilateralen Weges mit der EU sowie für Freihandelsabkommen ein.»

Pioniergeist gegen den Stillstand

Echte Dauerbrenner auf der Agenda sind zudem die klassischen Verkehrsthemen. Wie gut ein Wirtschaftsstandort auf allen Wegen erreichbar ist, entscheidet heute wie damals über seinen Erfolg. Im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert leisteten visionäre Unternehmer noch echte Pionierarbeit – sei es mit dem Bau der Gotthardbahn, der gezielten Förderung der Rheinschifffahrt oder der Eröffnung des Flugplatzes Sternenfeld. Im Jahr 2026 vermisst man eine solche Dynamik jedoch schmerzhaft. «Leider ist von dieser Dynamik in unserem Jahrzehnt wenig zu spüren. Wichtige Infrastrukturausbauten kommen nur langsam voran», äussert sich Dätwyler kritisch. Der bürokratische Leerlauf und langwierige Prozesse blockieren den Fortschritt. Die HKBB fordert deshalb ein Umdenken: «Hier wünschen wir uns mehr Mut und Durchsetzungswillen von Bund und Kantonen, aber auch von der Bevölkerung.»

Obwohl sich die HKBB historisch als Impulsgeberin versteht, die nicht selbst Schienen verlegt, agiert sie in Zeiten von politischen Blockaden intensiver denn je als Brückenbauerin: «Wir bewegen viel, wenn unsere Impulse echte Bedürfnisse aufgreifen, fundiert analysiert sind und Lösungen aufzeigen», so Dätwyler. Auf diese Weise gelingt es, die regionalen Rahmenbedingungen zu verbessern und festgefahrene Projekte ins Rollen zu bringen. Gerade bei emotionalen Streitthemen wie Verkehr, Steuern oder der Verknappung von Wohn- und Arbeitsflächen führt die Kammer die relevanten Akteure aus Wirtschaft, Verwaltung und Regierungen an einen Tisch, um tragfähige, gemeinsame Lösungen zu erarbeiten.

Brücken bauen für Talente

Eng verknüpft mit dem Erfolg des Standorts ist von jeher die Suche nach klugen Köpfen. «Wir bilden in unserem Land zu wenig Fachkräfte aus, um den Bedarf der Unternehmen zu decken», so Dätwyler. Die Lösung liegt in einer Doppelstrategie: Einerseits braucht es verstärkte Investitionen in die Ausbildung junger Menschen, insbesondere in die klassische Berufslehre, die hervorragende Karrierechancen bietet. Andererseits bleibt die Region auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen, um die Wirtschaft am Rollen zu halten und den Wohlstand zu sichern.

Abschottungsinitiativen wie diejenige gegen eine «10-Millionen-Schweiz» seien der falsche Ansatz für Probleme wie Wohnungsnot oder einen überlasteten ÖV und werden von der HKBB klar abgelehnt. Zusätzlich erweist sich die zunehmende Überregulierung als Wachstumsbremse, die den Alltag von Unternehmen und Bevölkerung massiv erschwert. In Basel warten Investoren oft über ein Jahr auf Baubewilligungen, weil zu viele Amtsstellen involviert werden und Verwaltungen den Ermessensspielraum kaum nutzen. «Dies blockiert Investitionen und Entwicklung – die Investoren ziehen sich zurück.» Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, engagiert sich die Kammer mit ihrer Initiative «Basel vorwärts» für mehr Wohn- und Arbeitsraum.

Ein Blick in die Zukunft zeigt, dass die grossen Aufgaben auch in 50 Jahren dieselben sein werden: Zugang zu Märkten, Zugang zu Talenten, attraktive Steuern, bezahlbare Energie und gute Verkehrsverbindungen. Gleichzeitig beschleunigen technologische Entwicklungen wie Digitalisierung und KI den Wandel rasant. «Unsere Aufgabe ist es, die Unternehmen mit handfester Unterstützung in der digitalen Transformation zu begleiten», betont Dätwyler mit Verweis auf die eigene KI-Plattform der Wirtschaft. Der Auftrag der HKBB bleibt nach 150 Jahren unverändert: Impulsegeben für einen starken, wettbewerbsfähigen Standort Region Basel.

Der Artikel in der Handelszeitung Im aktuellen Special berichtet die Handelszeitung über den Wirtschaftsstandort Basel und über unser Jubiläum.
Newsletter