Stellungnahmen zur «Perspektive Berufsbildung»
Die Handelskammer beider Basel nimmt Stellung zum Thema Perspektive Berufsbildung an der Landratssitzung vom 7. Mai 2026
Traktandum 88: Perspektive Berufsbildung: Professionelle ICT-Lehrstellenförderung 2025/551; Motion von Peter Hartmann
Die Region Basel leidet an einem Mangel an ICT-Lehrstellen. Die verschiedenen Zahlen der Motion belegen, dass in der Region zu wenig ICT-Fachkräfte ausgebildet werden. Das betrifft nicht nur den ICT-Bereich im engeren Sinne, sondern die regionale Wirtschaft als Ganzes. Denn ICT-Dienstleistungen sind aus keiner Branche mehr wegzudenken und mit fortschreitender Digitalisierung werden unsere Firmen immer mehr ICT-Fachkräfte brauchen.
Die Argumentation des Regierungsrates, die Unterstützung einzelner Branchen sei keine staatliche Aufgabe, erachten wir im vorliegenden Fall als nicht passend. ICT ist keine Branche, sondern ein Wirtschaftssektor, der verschiedene Branchen übergreift. Branchen bilden jeweils für ihre eigene Branche aus. Der ICT-Bereich dagegen bildet branchenübergreifend aus. Zumal Versicherungen, Banken, aber auch MedTech-Firmen sind auf gut ausgebildete ICT-Fachkräfte angewiesen.
Die fortschreitende Digitalisierung und die Entwicklung Künstlicher Intelligenz verändern zumal den ICT-Sektor stark. Diese Entwicklungen erhöhen langfristig den Bedarf an gut ausgebildeten ICT-Fachkräften. Die von der ICT-Berufsbildung Schweiz in Auftrag gegebene Studie der BSS aus dem Jahr 2025 zeigt, dass die Schweiz bis 2033 etwa 54'000 zusätzliche ICT-Fachkräfte ausbilden muss, um Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern. Da 81 Prozent der ICT-Fachkräfte der Berufsbildung entstammen, müssen zwingend mehr Lehrstellen im ICT-Sektor geschaffen werden, um diesen Bedarf zu decken.
Weiterhin führt die zunehmende Verwendung von KI in der Informatik dazu, dass Routinetätigkeiten und einfache Einstiegsaufgaben, die bisher typischerweise von Auszubildenden übernommen wurden, vermehrt automatisiert werden. Dadurch sinkt kurzfristig der betriebliche Anreiz, Lehrlinge auszubilden, da ihr produktiver Beitrag noch schwieriger sicherzustellen ist. Gleichzeitig steigt jedoch der Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften, insbesondere an erfahrenen Entwicklerinnen und Entwicklern (Senior Programmiererinnen und Programmierern), die komplexe Systeme verstehen, KI sinnvoll einsetzen und verantwortungsvoll weiterentwickeln können. Ohne gezielte Förderung entsteht hier ein strukturelles Problem: Wenn Unternehmen heute weniger ausbilden, fehlen morgen die erfahrenen Fachkräfte. Der Arbeitsmarkt trocknet langfristig aus, da Expertise nicht kurzfristig aufgebaut werden kann.
Ein weiterer Punkt spricht für eine zeitlich begrenzte Lehrstellenförderung im ICT-Sektor. Auszubildende im Bereich Informatik (insbesondere Applikationsentwickler/in) sind die teuersten Lehrlinge und die Produktivität ist in den ersten beiden Jahren sehr tief. Zudem ist der Betreuungsaufwand sehr hoch und kostet Zeit von teuren Senior-Entwicklern, kleine Teams können das oft schlicht nicht stemmen, und genau hier möchte die Motion ansetzen, indem z.B. das Basislehrjahr gefördert wird oder Lehrfirmenverbünde unterstützt werden.
Die Motion fordert aus diesen Gründen eine zeitlich begrenzte ICT-Lehrstellenförderung, die in Zusammenarbeit mit dem Kanton Basel-Stadt finanziert und organisiert wird. Die Motion möchte bestehende Synergien nutzen und so effizient die Lehrstellen im ICT-Bereich in den beiden Basel erhöhen, um so dem Fachkräftemangel im ICT-Bereich entgegenzuwirken.
Wir bitten Sie, die Motion zu überweisen.
Traktandum 89: Perspektive Berufsbildung: Berufswelten in der Primarschule entdecken 2025/535; Postulat von Matthias Liechti
Die demografische Zusammensetzung des Kantons Basel-Landschaft hat direkte Auswirkungen auf die Abschlussquoten. Vor allem in Stadtnähe leben viele Akademiker und eine grosse Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund. Beide Gruppen sind der Berufsbildung gegenüber skeptisch, oft auch aus Unkenntnis über Verdienst- und Karrieremöglichkeiten. Viele Eltern drängen deshalb ihre Kinder zu einer akademischen Karriere und die Kinder stehen bereits in der Primarstufe unter Druck, die Anforderungen für das P-Niveau zu erfüllen.
Neben diesem Druck wird die Ausbildungswahl der Kinder auch dadurch eingeschränkt, dass sie während ihrer Schulzeit nur mit einem sehr begrenzten Spektrum an Berufen konfrontiert werden und bereits sehr früh die für sie in Frage kommenden Berufe nach den Kategorien «Geschlecht» und «soziale Herkunft» auswählen. So haben sie, wenn es dann konkret um die Ausbildungswahl geht, bereits ihren Horizont eingeschränkt und sind kaum offen für alternative Laufbahnentscheide.
Einzelne Primarschulen des Kantons haben deshalb bereits Initiativen gestartet, um den Kindern schon im Primarschulalter verschiedene Berufsfelder näherzubringen und um die Eltern bereits früh über die verschiedenen Ausbildungswege zu informieren. Die Handelskammer beider Basel hält diese Initiativen für zielführend. Da alle Kinder das Recht auf eine freie und informierte Ausbildungswahl haben, fordert das Postulat von der Regierung ein tragfähiges Konzept für die Entdeckung von Berufswelten an allen Primarschulen, das auch die Eltern der Kinder einbezieht.
Wir bitten Sie, das Postulat zu überweisen.
Traktandum 90: Perspektive Berufsbildung: Berufsberatung an den Mittelschulen. Bessere Unterstützung bei Abbrüchen 2025/536; Postulat von Jan Kirchmayr
Da viele Eltern ihre Kinder auch bei geringer Neigung oder Eignung ans Gymnasium schicken möchten, gibt es auf der Gymnasialstufe erwartungsgemäss eine hohe Abbruchquote. Der Kanton Basel-Landschaft baut zurzeit ein Monitoring auf, das entsprechende Zahlen liefern wird. Die bereits vorliegenden Zahlen für die Schuljahre 2019 bis 2022 zeigen auf, dass die Ausfallquote im ersten Schuljahr an den Gymnasien BL 16 Prozent beträgt (vgl. Beantwortung der Interpellation 2024/53 von Jan Kirchmayr: «Ausstiegs- und Abbruchquote an den weiterführenden Schulen»). Demnach treten rund 140 Jugendliche bereits im ersten Gymnasialjahr aus. Jugendliche, die ein Gymnasium abbrechen, werden zudem kaum begleitet. Alle Beratungsangebote, die es gibt, sind freiwilliger Natur. Und so wechseln viele an eine weiterführende Schule, ohne sich ernsthaft mit Alternativen wie z.B. einer anspruchsvollen Berufslehre auseinanderzusetzen.
Das Postulat möchte hier Abhilfe schaffen, indem es erstens ein systematisches und verpflichtendes Case-Management für Schülerinnen und Schüler, die ein Gymnasium verlassen, verlangt. Beide Massnahmen werden helfen, diese Jugendlichen schnell und ohne Umwege auf den für sie passenden Ausbildungsweg zu bringen.
Wir bitten Sie, das Postulat zu überweisen.
Traktandum 91: Perspektive Berufsbildung: Bikantonale Plattform zur Talentförderung in der Berufsbildung 2025/538; Postulat von Martin Dätwyler
Talentförderung ist in der Berufsbildung noch nicht fest etabliert. Obwohl nationale und internationale Berufsmeisterschaften jeweils ein grosses mediales Echo generieren und viele Menschen erreichen, werden Talente in der Berufsbildung noch nicht systematisch erkannt und gefördert.
Der Vorstoss hat diese Lücke erkannt und schlägt vor, die Einrichtung einer Plattform zu prüfen, die nach dem Vorbild der Zürcher Plattform «Talentförderung Plus» die Talentförderung in der Berufsbildung durch Informationskampagnen, Best Practice Beispiele und Projekte stärkt.
Die Handelskammer beider Basel unterstützt dieses Vorhaben, um der Berufsbildung in der Region Basel zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen und sie als Talentschmiede für starke Lernende attraktiv zu machen.
Wir bitten Sie, das Postulat zu überweisen.
Traktandum 92: Perspektive Berufsbildung: Gleichwertige gesellschaftliche Anerkennung der Bildungswege sichern 2025/541; Postulat von Martin Dätwyler
Die Bundesverfassung hält die Kantone an, sich bei der Erfüllung ihrer Aufgaben dafür einzusetzen, «dass allgemeinbildende und berufsbezogene Bildungswege eine gleichwertige gesellschaftliche Anerkennung finden» (Art. 61a BV).
Die offiziellen Dokumente und Informationsseiten des Kantons Basel-Landschaft weisen jedoch immer wieder subtile Abwertungen der Berufsbildung auf. Das im Postulat genannte Beispiel des Abschlusszeugnisses verdeutlicht dies.
Ein weiteres Beispiel findet sich auf der offiziellen Webseite «Erste Berufs- und Schulwahl» des Kantons Basel-Landschaft. Nachdem die Berufslehre erklärt wird, werden die weiterführenden Schulen eingeführt mit dem Satz: «Wenn du lieber weiter in die Schule gehen möchtest, hast du verschiedene Möglichkeiten». Der blosse Wunsch, weiter in die Schule zu gehen, ist keine sinnvolle Entscheidungsbasis für den weiteren Ausbildungsverlauf. Die Entscheidung für eine weiterführende Schule sollte auf Basis eines spezifischen Ausbildungs- oder Berufswunsches erfolgen: Wer als Lehrperson arbeiten möchte, besucht die FMS und später die pädagogische Hochschule; wer an der Universität studieren möchte, besucht das Gymnasium. Die Formulierung auf der Webseite dagegen suggeriert, weiterführende Schulen seien ein Selbstzweck. Dabei sind sie Mittel zum Zweck – nämlich Mittel zum passenden Abschluss mit klaren Perspektiven.
Im Sinne der vom Bund vorgeschriebenen Förderung der gleichwertigen gesellschaftlichen Anerkennung der beiden Bildungswege bittet das Postulat den Kanton, seine offiziellen Dokumente und Informationsseiten genau zu prüfen und allfällige Abwertungen der Berufsbildung zu beseitigen.
Wir bitten Sie, das Postulat zu überweisen.
Traktandum 93: Perspektive Berufsbildung: Geschlechtergerechte MINT-Förderung ab Kindergartenbeginn 2025/544; Postulat von Nadine Jermann
MINT-Berufe weisen immer noch einen sehr niedrigen Frauenanteil auf. Wie die im Postulat zitierte Studie zeigt, ist es vor allem der Mathematikanteil in diesen Berufen, der Frauen zögern lässt, eine naturwissenschaftlich-technische Karriere einzuschlagen.
Zugleich zeigt eine weitere im Postulat zitierte Studie, dass die Mathematikkompetenzen von Jungen und Mädchen vor dem Schuleintritt in etwa gleich sind, aber vier Monate nach Schuleintritt bereits ein signifikanter Unterschied zwischen den Geschlechtern herrscht. Somit scheint es gerade der schulische Unterricht zu sein, der einen mathematischen Gender-Gap zeitigt.
Um dem entgegenzuwirken und die Mathematikkompetenzen junger Mädchen auch nach Schuleintritt zu erhalten und zu fördern, fordert das vorliegende Postulat, eine geschlechtersensible MINT-Förderung ab der ersten Schulstunde – damit einerseits alle Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht ihre Laufbahn frei nach ihren Neigungen und Stärken wählen können und wir damit langfristig den Fachkräftemangel in MINT-Berufen in den Griff bekommen. Denn dazu braucht es mehr Frauen in MINT-Berufen.
Wir bitten Sie, das Postulat zu überweisen.
Traktandum 94: Perspektive Berufsbildung: Ausrichtung der FMS überprüfen 2025/546; Postulat von Heinz Lerf
Die FMS bietet zahlreiche Studiengänge mit verschiedenen Bildungsverläufen an, die teilweise wichtige Zubringerfunktionen für Erwerbssektoren erfüllen, die für die gesellschaftliche Grundversorgung zentral sind und zugleich vom Fachkräftemangel betroffen sind, namentlich im Gesundheitswesen und in der Pädagogik. Der Vorstoss anerkennt diese wichtige Zubringerfunktion der FMS.
Als problematisch erachtet der Vorstoss die hohe Fachmittelschulquote im Kanton Basel-Landschaft. Die Fachmittelschulquoten der beiden Basler Kantone sind mittlerweile so hoch über den Fachmittelschulquoten der übrigen Kantone der Deutschschweiz, dass der Bildungsbericht 2026 die beiden Basler Kantone in seinen Grafiken zur Fachmittelschulquote jeweils gesondert ausweist. (Bildungsbericht Schweiz 2026, S. 177) Auch der Bildungsbericht des Kantons Basel-Landschaft von 2023 hält fest, dass die FMS in Basel-Landschaft mit 10 Prozent in der Ausbildungswahl deutlich stärker besucht wird als in anderen Kantonen der Deutschschweiz (mit Ausnahme des Kantons Basel-Stadt). (Bildungsbericht BL 2023, S. 48).
Diese hohe Quote ist das Resultat eines ungewöhnlich starken Wachstums der Fachmittelschule im Kanton. Der Bildungsbericht des Kantons Basel-Landschaft von 2023 hält fest, dass die FMS-Quote des Kantons Basel-Landschaft zwischen 2012 und 2018 um 41 Prozent gewachsen ist (Bildungsbericht BL 2023, S. 48); im Vergleich dazu ist die Gymnasialquote zwischen 2012 und 2022 um weniger als 15 Prozent gewachsen. (Bildungsbericht Schweiz 2026, S. 177)
Problematisch ist dieses starke Wachstum besonders in Bezug auf den Bereich «Gesundheit/Naturwissenschaft», und zwar bei den Absolvierenden, die beabsichtigen, in die Hochschule für Life Sciences einzutreten. Zum einen, weil hier das Wachstum der Fachmaturitätsschule auf Kosten der dualen Ausbildung geht. Naturwissenschaftlich-technische Lehrstellen sind schwer zu besetzen, während die FMS in diesem Bereich wächst. So ist der Anteil der Fachmaturandinnen und Fachmaturanden an der Hochschule für Life Sciences an der FHNW von 12 Prozent (2019) auf 26 Prozent (2024) gestiegen, während der Anteil EFZ plus BM von 52 Prozent auf 42 Prozent gesunken ist.
Zum anderen haben diese Schülerinnen und Schüler Schwierigkeiten, das erforderliche Praktikumsjahr zu absolvieren. Denn die im Bereich der Life Sciences tätigen Unternehmen können den Absolventinnen und Absolventen der Fachmaturitätsschulen meistens keine Praktikumsplätze zur Verfügung stellen. Einerseits brauchen die Unternehmen ihre Laborplätze für ihre eigenen Lernenden; zudem reicht die schulische Ausbildung fachlich nicht für ein Praktikum im Labor. Da die Schülerinnen und Schüler das Praktikum zur Erlangung ihrer Fachmatur benötigen, bietet ihnen die Fachmaturitätsschule in diesem Fachbereich keine verlässliche Perspektive.
Das Postulat fordert deshalb die Regierung auf, die Ausrichtung der Fachmaturitätsschule zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen, damit die Fachmaturitätsschule die Berufsbildung nicht konkurrenziert und den Jugendlichen eine reelle Perspektive auf dem Arbeitsmarkt gibt.
Wir bitten Sie, das Postulat zu überweisen.