«Die wenigsten KMU können für jedes Zukunftsthema eigene Spezialisten einstellen»

10.08.2026

CSEM ist ein öffentlich-privates Schweizer Technologie-Innovationszentrum mit sieben Standorten in der Schweiz. Einer davon ist in Allschwil. Wir sprechen mit Vincent Revol, Mitglied der Geschäftsleitung, wie KMU den Zugang zur Spitzentechnologie bekommen und welche Technologien die Wettbewerbsfähigkeit von KMU in den nächsten Jahren prägen. 

Herr Revol, warum gibt es das CSEM? 

CSEM ist das Schweizer Technologie-Innovationszentrum. Man könnte auch sagen: die Innovationsfabrik der Schweiz. An Hochschulen entstehen ständig neue Technologien. Der Weg bis zu einem marktfähigen Produkt gleicht aber oft einem Marathon und nicht einem Sprint. Genau auf dieser Strecke begleiten wir Unternehmen. Unser Ziel ist einfach: Wir helfen mit, dass gute Ideen den Sprung aus dem Labor in den Markt schaffen. 

Was heisst das konkret? 

Zwischen einer wissenschaftlichen Entdeckung und einem erfolgreichen Produkt liegen oft mehrere Jahre Arbeit. Viele gute Ideen schaffen diesen Weg nie. Mit unseren 640 Ingenieurinnen, Ingenieuren und Experten investieren wir frühzeitig in neue Technologien, reduzieren Entwicklungsrisiken und machen diese für Unternehmen nutzbar. Ein Beispiel: CSEM beschäftigte sich bereits vor fast zwanzig Jahren mit neuronalen Netzen, den Bausteinen der heutigen Künstlichen Intelligenz. Damals war das für viele noch reine Forschung. Heute nutzen Unternehmen wie Renata Batteries aus Itingen diese Technologien für die Qualitätskontrolle oder die Prozessoptimierung. Genau das verstehen wir unter Technologietransfer: Aus Forschung wird konkreter Nutzen für Unternehmen. 

Warum ist der Zugang zu Spitzentechnologie gerade für KMU oft schwierig? 

Weil die meisten KMU bereits genug um die Ohren haben. Wer einen Betrieb führt, muss Kunden betreuen, Aufträge abwickeln, Mitarbeitende führen und Rechnungen bezahlen. Da bleibt oft wenig Zeit, sich nebenbei mit neuen Technologien auseinanderzusetzen. Gleichzeitig wird die technologische Welt immer komplexer. Jeden Tag zu entscheiden, was relevant ist und was nur ein Hype, ist nicht einfach. Trotzdem kann es sich kein Unternehmen leisten, die nächste technologische Welle einfach vorbeiziehen zu lassen. 

Was raten Sie einem Unternehmen, das sich weiterentwickeln möchte, aber noch nicht weiss, wo es anfangen soll? 

Das ist eigentlich der Normalfall. Viele Unternehmen kommen nicht zu uns und sagen: «Wir brauchen Künstliche Intelligenz.» Sie kommen mit einer ganz anderen Frage. Zum Beispiel: «Wie können wir unseren Produktionsprozess effizienter machen?» oder «Wie können wir die Qualität unserer Produkte besser kontrollieren?» Genau dort sollte man beginnen. Nicht bei der Technologie, sondern beim Problem. Oft reicht ein erster Workshop, um herauszufinden, wo das eigentliche Potenzial liegt. Die wichtigste Erkenntnis ist dabei häufig: Die Lösung ist am Ende eine ganz andere, als man am Anfang vermutet hat. 

Besuch im Betrieb von BUSSLIST in Arisdorf: v.l.n.r.: Christoph Joder, Head Regional Development – Nordwestschweiz; Vincent Revol, Vice President - Industry 4.0 & Life Sciences; Manuel Steiner, Principal LIST Business Development at BUSSLIST, Group
Was bringt eine Zusammenarbeit mit CSEM konkret? 

Innovation ist immer mit Unsicherheit verbunden. Je ambitionierter die Idee, desto grösser meist auch das Risiko.  Die wenigsten KMU können für jedes Zukunftsthema eigene Spezialistinnen und Spezialisten einstellen. Bei CSEM erhalten sie Zugang zu den Kompetenzen von 640 Expertinnen und Experten, zu spezialisierter Infrastruktur und zu einem Technologieportfolio mit über 200 Patentfamilien. Oft geht es aber nicht nur um Know-how, sondern auch um Geschwindigkeit. Wer eine gute Idee früher auf den Markt bringt als die Konkurrenz, kann einen entscheidenden Vorsprung gewinnen. 

Können Sie ein Beispiel nennen? 

Ein schönes Beispiel ist ein Projekt mit der Raurica Wald AG aus Muttenz. Wer Holz verkauft, muss wissen, wie viel Holz tatsächlich auf einem Stapel gefällter Baumstämme liegt. Heute geschieht das oft noch mit Messband, Papier und Bleistift. Gemeinsam entwickeln wir eine Lösung, bei der ein Förster einfach mit seinem Smartphone ein Foto macht. Die App berechnet anschliessend automatisch das Volumen des Holzstapels. Genau solche Projekte mögen wir. Sie zeigen, wie moderne Technologien ganz praktische Probleme lösen können. Und wie aus einer zeitaufwendigen Handarbeit ein Prozess wird, der schneller, einfacher und präziser ist. 

Welche Technologien werden die Wettbewerbsfähigkeit von KMU in den nächsten Jahren prägen? 

Viele denken sofort an Künstliche Intelligenz. Und tatsächlich wird KI eine wichtige Rolle spielen. Aber sie ist nur ein Teil der Geschichte. Die eigentliche Frage lautet: Wie können Unternehmen Daten, Wissen und Technologie besser nutzen, um wettbewerbsfähiger zu werden? Dabei werden ganz unterschiedliche Technologien wichtig sein, von Robotik über Photonik bis hin zu neuen Fertigungsverfahren oder Batterietechnologien. Entscheidend ist nicht eine einzelne Technologie. Entscheidend ist, welchen Nutzen sie für das Unternehmen schafft. 

Mit LifeHub.Swiss entsteht ein European Digital Innovation Hub für die Nordwestschweiz. Was soll dieser bewirken? 

Die Idee ist einfach: KMU sollen leichter Zugang zu digitalen Technologien erhalten und diese ausprobieren können, bevor sie grosse Investitionen tätigen. LifeHub.Swiss bringt Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und öffentliche Organisationen zusammen und schafft eine zentrale Anlaufstelle für digitale Innovation. Kurz gesagt: Wer wissen möchte, wie Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz dem eigenen Unternehmen helfen kann, soll künftig einen ersten, unkomplizierten Anlaufpunkt haben.

CSEM ist ein öffentlich-privates Schweizer Technologie-Innovationszentrum mit sieben Standorten in der Schweiz. Einer davon ist in Allschwil. Durch die Entwicklung und Weitergabe von neuen Technologien mit weltweiter Bedeutung fördert das Non-Profit-Unternehmen die Wettbewerbsfähigkeit. CSEM unterstützt über 230 Industriekunden pro Jahr.

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