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12. Juni 2017

«Digitalisierung passiert – in meinem Unternehmen, oder ausserhalb»

Franz A. Saladin zu «Are you digital?», eine Initiative der Handelskammer beider Basel zur Förderung des digitalen Unternehmertums in der Region Basel.

 

Are you digital?Herr Saladin, die Handelskammer lanciert mit «Are you digital?» eine Initiative zur Förderung des digitalen Unternehmertums. Was möchten Sie erreichen?

Wir wollen mit der Initiative «Are you digital?» die digitale Transformation in der Region Basel unterstützen. Wir haben in zahlreichen Gesprächen mit unseren Mitgliedern festgestellt, dass die Digitalisierung und der damit verbundene Handlungsdruck den Unternehmen sehr wohl bewusst sind. Doch während die «Grossen» kurzerhand Beratungsfirmen engagieren, herrscht bei den KMU Unsicherheit, wie mit dem Thema umzugehen ist.

 

Fehlen bei den KMU einfach die personellen Ressourcen, um die Digitalisierung in den Griff zu bekommen?

Es geht nicht in erster Linie um personelle oder finanzielle Ressourcen. In Umfragen wird dies nur selten als Hindernis genannt. Vielmehr herrscht Unsicherheit, wo und wie man überhaupt beginnen soll.

 

Wo soll man denn beginnen?

Das hängt natürlich vom individuellen Fall ab, deshalb bieten wir auch individuelle Unterstützung an. Zwei Punkte möchte ich dennoch nennen: Erstens muss die Bereitschaft vorhanden sein, sich nicht nur mit dem Thema zu befassen, sondern Ideen auch in die Tat umzusetzen. Dazu muss sich die Geschäftsleitung voll hinter alle entsprechenden Bemühungen stellen. Zweitens erfordert die digitale Transformation, sich in die Kunden des Unternehmens zu versetzen und zu fragen: Wie lässt sich durch Digitalisierung zusätzlicher Nutzen schaffen? Eine externe Einschätzung kann in diesem Zusammenhang vieles erleichtern.

 

Dem könnte man entgegenhalten: Mein Unternehmen und meine Kunden kenne ich doch selbst am besten...

Das stimmt natürlich. Doch mit einer rein internen Sicht besteht die Gefahr, dass man sich darauf beschränkt, Bestehendes digitalisieren zu wollen. Um das vollständige Potenzial der Digitalisierung zu erfassen, sind ganze Prozesse und Geschäftsmodelle zu hinterfragen. Mit unseren beiden Modulen «Digital Checkup» und «Digital Project» möchten wir Unternehmen genau dabei unterstützen.

 

Passiert die Digitalisierung nicht automatisch – auch ohne unser Zutun?

Die Digitalisierung wird ihren Lauf nehmen, daran besteht kein Zweifel. Damit ergeben sich zwei Möglichkeiten: Entweder passiert die Digitalisierung in meinem Unternehmen, oder sie passiert ausserhalb. Die Entscheidung trifft jeder selbst. Wer heute nicht bereit ist, seine Prozesse zu überdenken, könnte jedoch morgen von der Bildfläche verschwinden. Unser Ziel ist es, unsere Mitglieder dabei zu unterstützen, die digitale Transformation für ihren künftigen Erfolg zu nutzen.

 

Wie sehen Sie die Region Basel aufgestellt?

Konkrete Zahlen dazu gibt es meines Wissens nicht, zumal der Grad der Digitalisierung schwer messbar ist. Wir sind eine sehr Technologie-affine Region, resultierend aus der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten 150 Jahre mit Fokus auf Logistik, Pharma und Finanzdienstleistungen. Ausserdem verfügen wir über sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte; einzig im Bereich IT könnten wir mehr personelle Ressourcen gebrauchen. Ich möchte aber ausdrücklich festhalten: Die Digitalisierung ist kein reines IT-Thema. Ob es weitere Mankos gibt, wird auch unsere Initiative aufzeigen. Als Wirtschaftsverband haben wir die Möglichkeit und den Auftrag, allfällige Erkenntnisse aus dem Projekt politisch umzusetzen und die Rahmenbedingungen für die digitale Transformation zu verbessern.

 

Sehen Sie heute schon weitere Hürden für die digitale Transformation in der Region Basel?

Eine konkrete regionale Hürde für die Digitalisierung sehe ich nicht. Etwas zulegen könnten wir jedoch beim Jungunternehmertum ganz generell. Wir haben einige grossartige Startups in und um Basel, doch es gibt sicher noch Luft nach oben. Unsere Gespräche mit Hochschulvertretern haben gezeigt: Es gibt einen gewissen Gap zwischen der Geschäftsidee einer Studienabgängerin oder eines Studienabgängers und dem Punkt, an dem die Idee reif genug ist, einem potenziellen Investor präsentiert zu werden. Hier braucht es Schützenhilfe, um mehr junge Menschen auf dem Weg zum eigenen Startup zu fördern. Diese leisten wir mit dem Modul «Digital Talent» – wir unterstützen Menschen dabei, die Machbarkeit ihrer Geschäftsidee im Bereich Digitalisierung aufzuzeigen.

 

Mit welchen Mitteln geschieht dies?

Einerseits können wir finanzielle Unterstützung bieten, etwa in Form eines befristeten «Gehalts» oder durch Zuschüsse für benötigtes Material oder Mieten. Andererseits können wir aus unserem Netzwerk Kontakte vermitteln, die in unterschiedlichen Belangen zum Erfolg des Startups beitragen können.

 

«Are you digital?» geht davon aus, dass Digitalisierung die Wirtschaft stärkt und Arbeitsplätze schafft. Doch einige werden bei Effizienzsteigerung eher an den Abbau von Stellen denken...

Die Digitalisierung wird Stellen verändern. Dieser Veränderung begegnen wir am besten mit erstklassiger Aus- und regelmässiger Weiterbildung.Wir können aus der Geschichte lernen: Jede industrielle Revolution hatte ihre Vor- und Nachteile. Langfristig haben jedoch alle dazu geführt, dass es den Bürgerinnen und Bürgern besser geht. Schneller Strukturwandel kann in der Tat bewirken, dass das Stellenangebot in einem bestimmten Bereich abnimmt. Gleichzeitig entstehen aber völlig neue Möglichkeiten.

 
Also muss niemand pessimistisch in die digitale Zukunft blicken?

Der digitale Wandel lässt sich nicht aufhalten. Wenn er nicht bei uns passiert, dann passiert er anderswo. Dort werden dann auch die neuen Arbeitsplätze entstehen. Deswegen profitieren wir alle in der Region Basel am meisten, wenn wir bei dem Thema vorwärts machen. Die Handelskammer leistet mit «Are you digital?» ihren Beitrag dazu.

 

Das «digitale Manifest» fordert, dass die Schweiz die Nummer 1 bei der Digitalisierung in Europa wird. Schaffen wir das?

In diesem Wettrennen einen Sieger zu bestimmen, halte ich für schwierig. Doch dass ein solches Wettrennen existiert, lässt sich nicht von der Hand weisen. Deutschland investiert hunderte Millionen Euro in die Digitalisierung der Wirtschaft. Unsere Aufgabe ist es, den Wettbewerb anzunehmen, uns der Digitalisierung zu stellen und im Rahmen unserer Mittel optimal damit umzugehen.

 
Man sagt uns Schweizern nach, dass unsere Mentalität sehr auf Sicherheit ausgerichtet ist. Muss man im Zusammenhang mit der Digitalisierung sagen: «zu sehr»?

Vielleicht besteht die Gefahr, mit zu viel Sicherheitsdenken Chancen zu verpassen. Dem möchten wir mit unserer Initiative begegnen. Es geht nicht darum, bestehende Geschäftsmodelle über den Haufen zu werfen, nur weil plötzlich alles anders sein muss. Vielmehr gehen wir das Thema pragmatisch an und untersuchen in den «Digital Checkup»-Workshops individuell, welche Massnahmen und Schritte für das einzelne Unternehmen sinnvoll sind.

 
Wie steht es denn um die Digitalisierung der Handelskammer beider Basel?

Auch für uns ist das ein laufender und herausfordernder Prozess. Ein Beispiel dafür ist das elektronische Ursprungszeugnis «e-origin», welches wir als erste Schweizer Handelskammer im Exportbereich einführten. Wir freuen uns und sind gespannt, welche Möglichkeiten sich auch für uns als Verband in der Zukunft noch ergeben. Deswegen sehen wir vor, einen «Digital Checkup»-Workshop auch mit der Handelskammer selbst durchführen.

 

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Lucia Uebersax
Kommunikation
l.uebersax@hkbb.ch

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